Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit sind in Eritrea stark eingeschränkt. Menschenrechtsverletzungen, Zwangsarbeit und willkürliche Verhaftungen gehören zur Tagesordnung. Obwohl der Krieg mit Äthiopien 2018 mit einem Friedensvertrag beendet wurde, hat sich bis heute im Leben der Eritreer nicht viel geändert.

Eritrea liegt in Ostafrika am Roten Meer zwischen dem Sudan, Äthiopien und Djibouti. Nordöstlich am gegenüberliegenden Ufer des Roten Meers liegen Saudi-Arabien und der Jemen. Die Hauptstadt Eritreas ist Asmara. In Eritrea leben zwischen fünf und sechs Millionen Menschen. Da seit 1938 keine Volkszählung mehr durchgeführt wurde, unterscheidet sich die Bevölkerungszahl je nach Quelle. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung ist sunnitisch-muslimisch sowie orthodox-christlich. In Eritrea gibt es offiziell neun anerkannte ethnische Gruppen. Jede spricht ihre eigene Sprache. Die grösste Volksgruppe ist die der Tigrinya. Sie machen etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Die zweitgrösste sind die Tigre mit etwas mehr als einem Drittel Anteil an der Bevölkerung. Formell sind die neun ethnischen Gruppen gleichberichtigt, faktisch dominieren die Tigrinya im Staat und besetzen die meisten gesellschaftlichen Schlüsselstellen. Ethnische Spannungen oder Diskriminierung gibt es jedoch kaum. «In Eritrea sind viele Menschen Bauern», erklärt Kedija*. «Sie pflanzen Kartoffeln, Tomaten, Mais, Weizen, Tee und auch viele verschiedene Früchte an. Einige sind Nomaden, wie die der Volksgruppe der Tigre, Kunama oder Saho. Sie haben viele Tiere, wie Kühe, Kamele, Schafe, Ziegen und Hühner. In den Städten arbeiten die Menschen in Büros.» Kedija ist in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, geboren. Sie gehört zur ethnischen Gruppe der Tigrinya und spricht deren Sprache Tigrinya. Sie ist christlich aufgewachsen. Früher war sie sehr gläubig, sagt sie. «Die Eritreer sind sehr ruhige und anständige Menschen. Weil es in Eritrea wenig Internet gib, verbringen sie viel Zeit miteinander», erzählt sie. Geografisch kann man Eritrea grob in drei Grossregionen gliedern: Das Hochland, das Küstentiefland und das westliche Tief- und Hügelland. Vor allem die Bevölkerung im Tiefland lebt grösstenteils als Nomaden oder Halbnomaden. Eine offizielle, in der Verfassung festgelegte Amtssprache gibt es in Eritrea nicht. Als Arbeitssprache wird überwiegen Tigrinya und Englisch gesprochen. Arabisch wird in geringem Ausmass ebenfalls benutzt. Im Bildungswesen wird häufig Englisch gesprochen. Die meisten Eritreer, insbesondere die der kleineren Ethnien, sind multilingual.

Kedija in einem traditionellen, eritreischen Gewand.
Kedija mit traditionellem, ertreischem Schmuck.

Um die aktuellen Konflikte zu verstehen, ist ein Blick in die Vergangenheit notwendig. Über Jahrhunderte gehörte das heutigen Eritrea zum Kaiserreich Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Mitte des 16. Jahrhunderts eroberten die Osmanen das Gebiet. Als die Osmanen jedoch im 19. Jahrhundert die Kontrolle über ihr Grossreich verloren, entglitt ihnen auch das Gebiet des heutigen Eritrea. Die Vorherrschaften Abessiniens und der Osmanen prägten die Glaubensrichtungen von Eritrea. Die orthodox-christliche Prägung erhielt Eritrea von der Vorherrschaft Abessiniens und die muslimische von der der Osmanen. 1890 geriet das Land in die Hände der italienischen Kolonialherrschaft, deren Ziel die Kolonialisierung von ganz Abessinien war, was ihr 1935 auch gelang. Die Italiener besetzen Eritrea sechs Jahre lang und ihr Einfluss ist noch heute zu spüren. «In Städten wie Asmara gibt es viele Orte, die italienische Namen tragen und viele italienische Restaurants und Bars», sagt Kedija. 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, wurden die Truppen des faschistischen Diktators Benito Mussolini durch die Briten besiegt und Eritrea fiel unter die britische Vorherrschaft. 1952, nach elf Jahren, übergab die britische Verwaltung das eroberte Kolonialreich den Vereinigten Staaten, welche über die Zukunft Eritreas richten sollte. Die UN fällte den Entscheid, dass Eritrea und Äthiopien eine Föderation eingehen sollten. Es war vorgesehen, dass Eritrea dabei weitgehend autonom bleiben sollte.

Eritrea wurde in seiner Geschichte immer wieder Spielball internationaler Mächte. Dies hat seine eigenständige Entwicklung immer wieder gehemmt. Nach der Entkolonialisierung der europäischen Grossmächte Italien und Grossbritannien musste Eritrea weitere 30 Jahre für seine Unabhängigkeit kämpfen, denn die Föderation mit Äthiopien gestaltete sich aufgrund kultureller, gesellschaftlicher und sprachlicher Differenzen schwierig. 1962 brachte der äthiopische Kaiser Haile Selassie das Land gewaltsam und widerrechtlich in seinen Besitz und stufte es als 14. äthiopische Provinz ein. Die UN blieb tatenlos. Die äthiopische Annexion 1962 gilt als Ausgangspunkt für die Konflikte zwischen Äthiopien und Eritrea, die bis heute andauern. In Eritrea nahmen bewaffnete Organisationen den Kampf für die Unabhängigkeit Eritreas auf. Nachdem 1974 der äthiopische Kaiser gestürzt wurde, etablierte sich in Addis Abeba das sozialistische Derg-Regime mit militärischer Unterstützung der Sowjetunion. 1988 beendete der Sieg der Eritreer in Afabet die jahrzehntelang andauernde militärische Pattsituation zwischen Eritrea und dem Derg. Der Zeitpunkt war günstig für die eritreischen Rebellen, denn mit Gorbatschow wurde der Derg nicht mehr gleichermassen unterstützt und auch in Äthiopien wurde Widerstand gegen das Regime geleistet. Mit der Eroberung Asmaras durch die eritreischen Rebellen 1991 endete der dreissigjährige Unabhängigkeitskrieg mit 200’000 Toten. Auf den Tag exakt zwei Jahre später, am 24. Mai 1993, wurde Eritreas Unabhängigkeit von Äthiopien international anerkannt. In einer Volksabstimmung stimmten über 99 Prozent aller Eritreer für die Unabhängigkeit. So ist Eritrea heute nach dem Südsudan das zweitjüngste Land auf dem afrikanischen Kontinent.

Mit der faktischen Unabhängigkeit Eritreas 1993 kam der ehemalige Rebellenführer Isaias Afewerki an die Macht. Die von ihm versprochenen demokratischen Strukturen wurden niemals umgesetzt und der lang erhoffte Frieden und die grossen Hoffnungen eines wirtschaftlichen Aufschwungs nahmen bereits nach nur fünf Jahren wieder ein Ende. Der Anspruch der beiden Staaten Äthiopien und Eritrea auf das Grenzstädtchen Badme löste einen blutigen Grenzkrieg aus, welcher auf beiden Seiten schwere Verluste mit über 70’000 Toten forderte. «Die Stadt war für Äthiopien nie wichtig. Es war bloss ein Vorwand, um sich mehr Macht und den Zugang zum Meer wieder verschaffen zu können», sagt Kedija wütend. Mit dem Abkommen von Algier im Jahr 2000 wurde der Waffenstillstand vereinbart. Doch der Grenzverlauf zwischen den Staaten blieb umstritten, die Spannungen hielten weiter an und beide Staaten rüsteten weiter auf. 2002 entschied ein internationales Schiedsgericht, dass Badme zu Eritrea gehören sollte. Dieser Entscheid wurde jedoch von Äthiopien bis ins Jahr 2018 nicht akzeptiert. So blieben die Äthiopier im Wüstenstädtchen und es kam weiterhin immer zu wieder Kämpfen. Der Konflikt zwischen Eritrea und Äthiopien wurde 2006, im Zuge der Kriegswirren in Somalia, als Stellvertreterkrieg auf somalischem Boden weiter ausgetragen. Während Äthiopien die geschwächte somalische Regierung unterstütze, wurde Eritrea vorgeworfen, die islamistischen Aufständischen zu unterstützen. Obwohl die Regierung in Asmara diese Vorwürfe bestritt, verhängte der UN-Sicherheitsrat 2009 Sanktionen gegen Eritrea, wegen der vermuteten Unterstützung der Dschihadistenmiliz Al-Shabaab in Somalien.

Seit dem Krieg um die Stadt Badme 2000 wurde der Nationaldienst, im Militär oder im zivilen Bereich, für alle Eritreer, Männer und Frauen, als obligatorisch und zeitlich unbefristet erklärt. Offiziell beginnt der Militärdienst ab 18 Jahren, doch sind darunter auch Kinder zu finden. Ort und Inhalt des Dienstes können nicht gewählt werden. Die Löhne sind tief. 300 Nafka verdient man im Nationaldienst monatlich – das sind zwanzig Franken. So können die Soldaten ihre eigenen Lebenshaltungskosten nicht decken, geschweige denn ihre Familie unterstützen können. Wer im Militär dient, hat praktisch keine Aussicht auf Entlassung. In einigen Fällen dauerte der Militärdienst ganze zwanzig Jahre lang. Kedija musste mit 18 Jahren ins Militär. Weil sie zur Schule ging und gut in Mathematik ist, musste sie die Schussrichtungen für die Bomben der Granatwerfer an der Grenze zu Äthiopien programmieren. Dafür bekam sie ein spezielles Training. «Die Bomben sind gross und schwer. Es war die Aufgabe der Männer, sie vorzubereiten. Ich machte nur die Mathematik. Über Radio bekam ich die Befehle, was ich programmieren musste. In der Nacht durfte ich nicht schlafen. Ich musste draussen sein. Am Tag war ich in einem Bunker», erklärt Kedija. Sie war an zahlreichen Orten stationiert, un­ter an­de­rem neun Monate in Badme. Die Bedingungen in den militärischen Ausbildungslagern sind hart. Es kann sogar von moderner Sklaverei gesprochen werden. Zwangsarbeit und zahlreiche Verletzungen der Menschenrechte wurden dokumentiert. Kritik oder mangelnde Disziplin werden harsch bestraft. «Die Vorgesetzten haben uns respektlos behandelt. Ich hatte dauernd Angst und ich war sehr wütend. Jeden Tag habe ich gedacht: wann kann ich zurück nach Asmara?», erzählt Kedija. Isaias Afewerki hat mit dem äusserst unpopulären Programm des Nationaldienstes eine hochgradig militarisierte Gesellschaft geschaffen. Verweigerer werden als „Verräter an der Nation“ angesehen und hart bestraft. So kann Kedija nicht mehr zurück in ihre Heimat. Wegen ihrer Flucht aus dem Militär würde sie ins Gefängnis gesteckt.

„Im Militär habe ich jeden Tag in der Bibel gelesen“, so Kedija.

Die eritreischen Frauen sind zudem grossen genderbasierten Risiken ausgesetzt. «In Eritrea leiden viele Frauen unter enormem Stress», sagt Kedija traurig. Kinderheirat ist in vielen konservativen Communities üblich. Dies führt dazu, dass die Mädchen bereits sehr früh Mütter werden und ihnen die Möglichkeit, zur Schule zu gehen und ein     selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen, verhindert wird. Zudem ist, obwohl sie offiziell als illegal gilt, die weibliche Genitalverstümmelung weit verbreitet. Die Verstümmelung führt zu einer sehr hohen Müttersterblichkeitsrate und lebenslangem Leiden für Frauen. Im Nationaldienst sind Frauen sexueller Versklavung und Folter, sowie anderen Formen sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

Eritrea wird von der Aussenwelt komplett abgeschottet. Seit Jahrzehnten ist es einer der repressivsten Staaten der Welt. So wird es auch als «Nordkorea Afrikas» bezeichnet. Präsident Afewerki ist seit 27 Jahren an der Macht. Er ist sowohl Staatsoberhaupt als auch Regierungschef und Leiter des Staatsrates und der Nationalversammlung. Es gibt keinerlei Gewaltentrennung. Seit Afewerkis Amtsantritt 1993 hat es kein einziges Mal Wahlen gegeben und daran ist auch heute nicht zu denken. Die Regierungspartei Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit von Präsident Isaias Afewerki ist die einzige zugelassene Partei im Lande. Unabhängige Medien gibt es in Eritrea seit 2001 keine mehr. Die Regierungszeitung «Eritrea Profile» ist die einzige Zeitung im Lande. Seit Jahren liegt Eritrea in der Liste der Pressefreiheit von Reportern ohne Grenzen immer wieder auf dem letzten Platz. Der Internetzugang ist beschränkt und die Überwachung ist allgegenwärtig. An jeder Strassenecke befinden sich Spitzel und die Chauffeure rapportieren, wo sie ihre Gäste hinbringen. Die Wächter vor den Häusern informieren, wer rein- und wer rausgeht. Telefon und E-Mails werden überwacht. Gespräche werden belauscht – egal in welcher Sprache sie geführt werden. Regimekritiker werden verhaftet. «In Eritrea kann man nicht über politische Themen sprechen. Das ist gefährlich. Wenn wir es tun, dann höchstens zuhause und nur mit der engsten Familie, nirgendwo anders und mit niemand anderem», sagt Kedija. «Man hat immer Angst, dass etwas passiert.» Die Inhaftierten werden in stark überfüllte Zellen oder Container gebracht und teils gefoltert. Der Standort der Inhaftierten ist oft unbekannt, sogar den Familienangehörigen. So wissen die Angehörigen der Gefangenen nicht, ob sie überhaupt noch leben. Gefangen in einem der eritreischen Gefängnisse sind der ehemalige Finanzminister und Kritiker des Präsidenten Berhane Abrehe und unzählige weitere Regierungsbeamte und Journalisten. Eritrea ist in der Sub-Sahara das Land mit den meisten Journalisten hinter Gittern. Einige sitzen bereits seit zwanzig Jahren in Haft, mindestens elf gelten als verschollen. Kedija möchte, auch wenn es schmerzt, über die Probleme in ihrem Land sprechen, doch sie muss unerkannt bleiben. Würde sie erkannt, könnte ihrer Familie in Eritrea etwas passieren.

Neben der Meinungs- und Pressefreiheit ist in Eritrea auch die Religionsfreiheit eingeschränkt. Der Staat erkennt nur vier Religionen an: die des sunnitischen Islams sowie eritreisch-orthodoxe, römisch-katholische und evangelische Kirchen. Eritreer, die nicht diesen Glaubensrichtungen angehören, wie Protestanten oder schiitische Muslime, riskieren Überfälle auf ihre Häuser, Inhaftierung und Folter. Freigelassen werden sie nur mit dem schriftlichen Verzicht auf die Religionszugehörigkeit. Homosexuelle Ehen sind verboten. Auch Hilfsorganisationen sind in Eritrea verboten. Eritrea wurde in einer Umfrage 2019 als eines von weltweit drei Ländern identifiziert, die der humanitären Hilfe von internationalen Organisationen „extreme Einschränkungen“ auferlegen. Die Regierung kontrolliert auch die Verwendung von Fremdwährungen streng. So gibt es in Eritrea nur wenige grosse private Unternehmen und die meisten arbeiten mit Regierungspartnern zusammen.

Präsident Isaias Afewerki legimitierte sein anhaltendes autoritäres und repressives Regierungssystem sowie den auf unbegrenzte Zeit verlängerten Wehr- und Dienstpflicht jahrelang mit dem Konflikt mit Äthiopien. Im Juli 2018 unterzeichneten die beiden langjährigen Erzrivalen Eritrea und Äthiopien in Asmara ein Friedensabkommen und beendeten die zwanzig Jahre andauernden Feindseligkeiten. Mit dem Friedensabkommen akzeptiere Äthiopien, dass Badme zu Eritrea gehört. Der amtierende äthiopische Staatschef Abiy Ahmed gilt darum als Hoffnungsträger und bekam für das geschlossene Friedensabkommen mit Eritrea den Friedensnobelpreis. Nur drei Wochen nach dem Friedensschluss mit Äthiopien nahmen auch Eritrea und Somalia nach rund 15 Jahren Funkstille ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf. Da in den letzten Jahren keine Hinweise auf eritreische Unterstützung für Al-Shabaab gefunden wurden, hat der UNO-Sicherheitsrat 2018 beschlossen, die seit zehn Jahren bestehenden Sanktionen gegen Eritrea, wie das Waffenembargo und die Reisebeschränkungen, aufzuheben. Nachdem das Friedensabkommen unterschrieben war, wurde der Bau einer transnationalen Strasse in Angriff genommen. Als die eritreisch-äthiopische Grenze geöffnet wurde, haben tausende Eritreer das Land verlassen. Die Importe aus Äthiopien haben die meisten Preise deutlich sinken lassen. Doch die Grenze ist inzwischen wieder geschlossen. Zollbestimmungen und der Personenverkehr müssten geregelt werden, bis die Grenzen definitiv geöffnet würden, heisst es. Äthiopien hat sich bis heute noch nicht aus Badme zurückgezogen. Es gibt kaum Anzeichen dafür, dass sich die Menschenrechtslage verbessert hat. Auch die willkürlichen Verhaftungen ohne Prozesse, Frist und Möglichkeit auf Anklage nahmen kein Ende. Obwohl angekündigt wurde, dass der Nationaldienst wieder auf die ursprünglichen 18 Monate zurückgestuft wird, hat sich bis jetzt nichts getan. Es müssten zuerst Alternativen für die jungen Leute geschaffen werden, heisst es von der Regierung. Den Militärdienst brauche es noch immer, um die Grenzen zu sichern. Bis jetzt wurden weder Reformen eingeleitet noch politische Gefangene freigelassen. Auch auf die Pressefreiheit hat das Friedensabkommen bislang keine positiven Auswirkungen gezeigt. Es existieren noch immer keine freien Medien. Landminen und andere explosive Kriegsreste stellen noch immer eine Gefahr für die Eritreer dar. So hat sich, auch wenn das Kriegsbeil begraben ist, im Alltag der Eritreer bis heute nicht viel geändert. Die kontinuierliche Gewalt und die damit verbunden Menschenrechtsverletzungen bedrücken weiter Eritreas Volksseele.

Das Horn von Afrika ist zudem eine der ärmsten Regionen der Welt. Die eritreische Wirtschaft befindet sich in einem desolaten Zustand. Die Kupfer-, Kali- und Goldproduktion dürfte in den nächsten Jahren weiterhin zu einem begrenzten Wirtschaftswachstum und zu begrenzten Staatseinnahmen führen, aber die Militärausgaben werden weiterhin mit den Entwicklungs- und Investitionsplänen konkurrieren. Aufgrund der kriegerischen Konflikte, aber auch durch schwierige klimatische Bedingungen, leidet Eritrea an einer Nahrungs- und Wasserknappheit. Die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren leidet an chronischer Unterernährung. Eritrea ist ein sehr junger Staat. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist unter 14 Jahre alt. Die Subsistenzlandwirtschaft reicht jedoch nicht für die Bedürfnisse der wachsenden Bevölkerung Eritreas aus. Die letzten zwei Jahre waren überdurchschnittlich trocken. Die Dürren führen zu Ernteausfällen, was wiederum zu Nahrungsmittelunsicherheit und Unterernährung in weiten Teilen der Bevölkerung führt. Speziell getroffen sind die Nomadengemeinschaften. Neben den Dürren beeinträchtigt der grosse Prozentsatz der im Militärdienst gebundenen Arbeitskräfte die landwirtschaftliche Produktion und die wirtschaftliche Entwicklung. Viele eritreische Familien sind auf finanzielle Unterstützung von Verwandten aus dem Ausland angewiesen. «Die Menschen in Eritrea haben kein Geld. Das allerwichtigste für sie ist es, jeden Tag genug Essen für ihre Familie zu haben. Darum können sie nicht einmal über die vielen Probleme in Eritrea Gedanken machen. Erst wenn die Menschen genug Essen haben, können sie sich um andere Themen kümmern», sagt Kedija mit wässrigen Augen und zitternder Stimme. Im Herbst 2019 gab es zudem kein Wasser mehr im Land. Es musste vom Sudan importiert werden. Die Gründe für den Wassermangel sind unklar.

Hundertausende verlassen Eritrea jedes Jahr und machen es zu einem der Länder mit den meisten Migranten. Es wird geschätzt, dass zwischen zehn und 20 Prozent der Bevölkerung im Ausland leben. Der Hauptgrund für die Flucht ist oft der Nationaldienst mit seiner unbestimmten Dauer und damit verbundene Menschenrechtsverletzungen sowie Zwangsarbeit. Aber auch die Unterdrückung der freien Meinungsäusserung, die anhaltenden Konflikte sowie die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen lassen den jungen Eritreern weiterhin keine andere Wahl, als zu migrieren. Ein wichtiges Durchgangsland ist der Sudan. Um die Grenzen zu überqueren, müssen sich die Menschen zu Fuss auf den Weg machen und die Grenzen abseits der offiziellen Grenzübergänge überqueren. Denn das Land ohne Erlaubnis zu verlassen, ist illegal und das Recht, das Land zu verlassen ist extrem eingeschränkt. Ausreiseversuche, die aufgegriffen werden, werden mit Haft bestraft. Nur mit gewaltigen Geldsummen kann man sie sich wieder freikaufen. «Viele Menschen flüchten aus dem Militärservice. Es ist ein grosses Risiko. Vielleicht erschiessen sie dich, dann bist du tot», sagt Kedija. Nach sechs Jahren im Militärdienst ist auch Kedija geflohen. Ohne die finanzielle Unterstützung ihrer Verwandten im Ausland wäre dies nicht möglich gewesen. «Meine Mutter wurde aufgrund meiner Flucht vom Militär ins Gefängnis gesteckt und konnte nur mit einer hohen Geldsumme freigekauft werden», erzählt Kedija. Die meisten Eritreer bleiben nach ihrer Ausreise in einem Flüchtlingslager im Sudan oder in Äthiopien, im Jemen, Ägypten oder Israel. Denn die Reise nach Europa oder Nordamerika ist sehr teuer. Kommen die eritreischen Flüchtlinge bis nach Europa, dann meistens über Libyen und Ägypten und später mit einem Schlepper übers Mittelmeer. Auch wenn die Geflohenen tausende Kilometer weg von ihrer Heimat sind, klingt der Einflussbereich des autokratischen Regimes noch nach. Es wird versucht, sie auch im Exil zu kontrollieren und Gelder von ihnen einzutreiben.

Sogar hier in der Schweiz kann Kedija nicht offen über die Missstände in ihrem Land sprechen.

Die Schweiz ist für viele ein Zielland, so auch für Kedija. Dies, weil fast alle Eritreer über unser Nachbarland Italien nach Europa kommen. Von dort ist es ein kurzer und somit günstiger Weg in die Schweiz. Seit 2011 sind in der Schweiz rund 40’000 eritreische Asylgesuche eingegangen. Aus keinem Land hat die Schweiz mehr Gesuche erhalten. Über zehn Jahre galt in der Schweiz, dass kein Asylsuchender zurück nach Eritrea muss, da die Rückkehr als zu gefährlich galt. Die Schweizer Behörden haben ihre Asylpraxis gegenüber Eritreern jedoch deutlich verschärft. 2017 beschloss das Schweizer Bundesverwaltungsgericht, dass eine Rückkehr unter Umständen zumutbar sei, insbesondere für die, die nicht mehr Militärdienst leisten müssen. Nur Personen, denen aufgrund der übermässigen und politisch motivierten Bestrafung im Fall einer Rückkehr eine Desertion droht, wird Asyl gewährt. Darum werden immer mehr Asylsuchende aus Eritrea abgewiesen. Da Eritrea nur freiwillige Rückkehrer akzeptiert, reist eine beträchtliche Menge unkontrolliert ab. Kedija ist heute seit zwölf Jahren in der Schweiz. Sie vermisst ihr Land, ihre Sprache, ihre Familie. Dass sie ihrem Kind nicht zeigen kann, von wo es kommt, macht sie traurig. Kedija wünscht sich für Eritrea Frieden, Wohlstand und vor allem Ruhe.

*Name geändert